Zwischen Heavy-Metal und Historienepik – Sabatons Tourstop in Stuttgart

Ein Konzertbericht

Wieder einmal öffnen sich die Türen der Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Stuttgart, um rund 12.900 Menschen zu empfangen. Die Meisten sind in schwarzen Pullis und Kutten gekleidet. Besonders große Fans haben sich, passend zum neuen Album, die Gewänder der „Templars“ umgelegt und sind mit aufblasbaren Schwertern ausgerüstet erschienen.

Mit „Legends“ schlägt die Power-Metalband Sabaton keinen grundsätzlich neuen Weg ein, fokussiert sich allerdings auf neue Zeiten. Die Weltkriegsära ist erst einmal Geschichte. Stattdessen stehen Kriegshelden und Legenden im Zentrum des Albums, die vor vielen Jahrhunderten lebten, weit bevor Flugzeuge oder Panzer existierten. Aber… wer hat eigentlich Anspruch auf Legenden-Status und was braucht es dazu? Das Showkonzept der „Legendary Tour 2025“ verbindet diese Frage mit unterschiedlichen (musikalischen) Antwortmöglichkeiten.

Alles im Sinne der Legenden

Das „Legendary Orchestra“ bietet eine symphonische Einleitung des Konzertes. Das kleine Orchester besteht aus handgepflückten Musikern und Musikerinnen: Die Multi-Instrumentalistin Patty Gurdy verknüpft an der Drehleier mittelalterliche Sounds mit modernem Metal. Die Violinistin Mia Asano ist vor allem durch ihre Interpretationen bekannter Stücke auf der elektrischen Violine bekannt. Der Chor und das Orchester werden von der Sängerin Noa Gruman (Stardust) dirigiert und begleitet. Exklusiv werden Stücke wie „Bismarck“ und „Maid of Steel“ als orchestrale Versionen vorgetragen. Durch die erfolgreiche Verzahnung von klassischen und rockigen Elementen bringt der Supportact einen echten Studiosound auf die Bühne, welcher das Publikum begeistert.

Nach einer kurzen Umbaupause steht ein bekannter Franzose auf der Bühne: Napoleon Bonaparte. Er freut sich sichtlich, nach mehreren Jahrhunderten wieder in Deutschland zu sein und stolziert zwischen brennenden Fackeln auf der Bühne umher. Mit einem Monolog über seine Heldentaten erntet er vom Publikum allerdings kein Jubel, sondern offene Missgunst. Ob geplant oder nicht, der Darsteller improvisiert weiter und schafft es mit französischem Akzent, dem Publikum einige Lacher zu entlocken. Als sich Napoleon als die größte Legende lobt, wird er von Dschingis Khan unterbrochen, der vom rechten Bühnenrand auf die Bühne stürmt. Er ist ganz anderer Meinung. Die beiden diskutieren über ihren Legendenstatus und wer der Bezeichnung würdig sei. Dabei werden Geschichtswissen und Comedyaspekte kombiniert. Dschingis Khan bekommt jedoch, anders als Napoleon, weniger Buh-Rufe. Er erntet vielmehr ehrfürchtige Stille und zurückhaltenden Applaus. Inmitten der Diskussion meldet sich eine weitere Stimme zu Wort. In weißer Toga und mit einem goldenen Lorbeerkranz auf dem Kopf schreitet ein prominentes Gesicht in die Bühnenmitte. Caesar konnte sich die Debatte nicht entgehen lassen und sieht sich eindeutig als die einzige wahre Legende inmitten der drei. Er berichtet vom großen römischen Reich und freut sich über seine vielzählige „Stuttgart Legion“, die an einem Montagabend in der Halle zusammengekommen ist. Das Publikum antwortet ihm mit lautem Applaus. Das geht Napoleon zu weit und der Franzose entschließt sich kurzerhand, Caesar ein Messer in die Brust zu jagen. Der verlässt daraufhin blutend die Bühne und Napoleon wendet sich dem unbeeindruckten Dschingis Khan zu. Doch bevor die beiden mit Florett und Säbel übereinander herfallen können, werden sie von den Angehörigen des noblen Tempelordens unterbrochen. Streit schlichtend stellt sich der Grandmaster Jaques de Molay zwischen die beiden. Er spricht von Geschichte, Legenden, was daraus gelernt werden kann. Die Spannung steigt schließlich als erkenntlich wird, dass nun die Band ihren Weg in den Dialog findet. Denn über die Taten kann nur diskutiert werden, wenn jemand davon berichtet.

Wenn die Bühne zum Schlachtfeld wird

Der musikalische Hauptteil beginnt mit einem lauten Knall. Anknüpfend an die Szene spielt Sabaton den ersten Song des neuen Albums, „Templars“. Dafür hat sich die Band vorwiegend selbst in die Kostüme des geistlichen Ritterordens geworfen. Im offiziellen Musikvideo zum Song befindet sich die Band auf einer mittelalterlichen Burg. Für die Tour wurden zwei Türme und eine Verbindungsbrücke direkt auf die Bühne transportiert. Den dekorativen Panzer hätten sie zur Abwechslung zuhause gelassen, erklärt Pär Sundström (Bass) lachend im Verlauf des Konzerts. In den ersten Songs kommen vor allem religiös motivierte Taten und Legenden zur Geltung, bevor in den weiteren Stücken eher geopolitische Hintergründe im Zentrum stehen.

Foto: Michael Bußmann via Pixabay.

Zwischen den Songs sind kleine Szenen der schon bekannten Gesichter Caesars, Dschingis Khan und Napoleons eingeflochten. Mit dem Lied „I, Emperor“ kommt auch Napoleon zu seinem ersehnten Applaus. Die beiden Kanonen auf den Bühnenseiten „feuern“ im Takt, während Napoleon in der Bühnenmitte seine Waffe schwingt. Das Lied thematisiert Napoleons Aufschwung und Ehrgeiz, Frankreich zu stabilisieren und Ordnung zu schaffen. Hierbei dominiert vor allem das Schlagwerk durch Hannes van Dahl und bietet eine rhythmisch klare Struktur. In „Hordes of the Khan“ kehrt Dschingis Khan in voller Kampfausrüstung auf die Bühne zurück. Auch Caesar tritt für „Crossing the Rubicon“ im blutüberströmten Gewand ein letztes Mal vor seine Stuttgart-Legion. Thobbe Englund und Chris Rörland bringen dabei mit treibenden Gitarrenriffs und -soli klassische Metal-Elemente in die Songs ein.

Über den Verlauf des Konzertes verwandelt sich die Bühne mehr und mehr in ein Schlachtfeld: Kanonen, Fackeln, Schwerter, Flaggen – Pyrotechnik und Requisiten werden punktuell eingesetzt. Ältere Lieder wie „The Attack of the Dead Men“ und „To Hell and Back“ sorgen ebenfalls für Begeisterung und sind mittlerweile fester Bestandteil der Setlisten. Joakim Brodén (Frontsänger) und die Band bringen mit ihrer Energie das Publikum zum klatschen, singen und springen. Moshpits blieben weitestgehend aus. Stattdessen wurde musikalisch an die Vorweihnachtszeit gedacht und zu einem Lichtermeer als Handy-Taschenlampen „Christmas Truce“ gespielt. Thematisch behandelt der Song die inoffizielle Waffenruhe vom 24. Dezember 1914 an der Westfront, in welcher deutsche und britische Soldaten für eine Nacht die Grausamkeiten des ersten Weltkriegs vergessen konnten. Der Song stellt eine der wenigen Metal-Balladen des Konzertes dar, in welchem sich zu Beginn Motive aus dem bekannten Weihnachtslied „Carol of Bells“ erkennen lassen. Für diese besonderen Momente und den letzten Teil des Abends holt Sabaton den legendären Chor wieder auf die Bühne. Die stimmliche, klassische Verstärkung verleiht dem Schlussteil eine epische Nuance.

Der Abend wird mit Liedern beendet, die nicht nur „older than Hannes moustache“ sind, sondern schon vor der Zeit des Schlagzeugers als Teil der Band veröffentlicht wurden, wie Brodén amüsiert ankündigt. Dazu zählen „The Art of War“ (2008) und „Masters of the World“ (2007), bei welchen die Begeisterung vor allem bei den langjährigen Fans groß ist. Das Konzert endet mit viel Pyrotechnik, Applaus und einem Abspann auf den Bildschirmen, welche die Produktionsangaben und das Team namentlich vorstellen. Obwohl viele Besucher:innen die schauspielerischen Einlagen als langatmig empfanden, erntet das Konzert und allgemeine Showkonzept großes Lob. Gegen kurz nach 22 Uhr bewegt sich die Menge schließlich langsam Richtung Ausgang und nimmt die legendären Geschichten mit, hinaus in eine kühle Novembernacht.

Sabaton tourt noch bis Mitte Dezember in Europa, unter anderem mit Zwischenhalt in Hannover (ZAG Arena) am 8. Dezember, bevor die Band nach Nordamerika aufbricht.